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Somatoforme Funktionsstörungen

Aufgrund der Vielfalt somatoformer Beschwerden und eines sich oft über Jahre erstreckenden Leidensweges Betroffener durch frustrane organmedizinische Abklärungen, ist es schwer, für die gesamte Gruppe somatoformer Erkrankungen Zahlen über deren Häufigkeit zu nennen. Insgesamt gehen wir in unserem Gesundheitswesen davon aus, dass 20-40% aller Konsultationen und Inanspruchnahmen in der Allgemeinmedizin auf somatoforme Beschwerden zurückgehen.

Unter somatoformen Beschwerden verstehen wir körperliche Symptome/ Mißempfindungen, für die keine hinreichend erklärende organische Ursache bzw. keine entsprechende körperliche Erkrankung gefunden wird. Kann der Arzt keinen pathologischen Befund nachweisen, reagieren viele Menschen entlastet, andere jedoch bleiben verunsichert und drängen auf weitere medizinische Abklärung. So kann ein Teufelskreislauf beginnen aus Selbstbeobachtung, ängstlicher Wahrnehmung körperlicher Mißempfindungen und katastrophisierender Überzeugungen, dass es ursächlich doch eine körperliche Erkrankung geben muß.

Häufige somatoforme Beschwerden sind Kopf- und Gesichtsschmerzen, Bauchschmerzen, Völlegefühle, Blähungen, Herzrasen und Herzstolpern, Brennen in der Brust, Atembeschwerden, Blasenprobleme, Rückenschmerzen, Sensibilitätsstörungen (Kribbelgefühle) u.v.m.. Somatoforme Symptome können den gesamten Körper betreffen, häufig auch die Körperregion wechseln, in jedem Falle aber über Jahre beeinträchtigen und hohen Leidensdruck verursachen. Von einer somatoformen Störung sprechen wir dann, wenn somatoforme Beschwerden über mind. zwei Jahre bestehen, der Betroffene aber trotz wiederholter medizinischer Abklärung und negativer Untersuchungsergebnisse, also trotz fehlender organpathologischer Befunde, weiterhin hartnäckig darauf drängt, dass eine körperliche Ursache gefunden werden und weitere Diagnostik betrieben werden muss. Menschen mit einer somatoformen Störung bleiben oft über Jahre darauf fokussiert, dass es sich doch „um etwas Körperliches“ handeln müsse. Sie gehen häufig zum Arzt, wechseln die Ärzte, fühlen sich unverstanden und sind verzweifelt. Das gesamte Leben engt sich auf die jeweiligen Beschwerden ein, es kommt zu Schon – und Vermeidungsverhalten, oft zu Problemen am Arbeitsplatz oder innerhalb der Familie.

Wir unterscheiden ggw. mehrere Unterformen somatoformer Störungen; so gibt es nicht nur die sog. Somatisierungsstörung, bei der ganz verschiedene, häufig wechselnde somatoforme Symptome und über Jahre ergebnislose Untersuchungen beklagt werden, sondern auch somatoforme autonome Funktionsstörungen, die sich über lange Zeit auf ein einzelnes Organsystem beziehen (Herz, Atmung, Verdauung oder Blase), ebenso wie die hypochondrische Störung, bei der Betroffene übermäßig den eigenen Körper und Mißempfindungen beobachten, eine ganz bestimmte Erkrankung vermuten und diese ärztlich abklären wollen. Auch anhaltende Schmerzstörungen, für die kein hinreichend erklärendes organisches Korrelat gefunden wird, zählen wir zu den somatoformen Störungen.

Daneben gibt es die sog. psychosomatischen Erkrankungen im engeren Sinne. Hierbei handelt es sich um diagnostizierte körperliche Erkrankungen, für die psychische Faktoren jedoch eine zumindest wichtige Einflußgröße darstellen (Asthma, Neurodermitis, Tinnitus, Hypertonus, Colitis ulcerosa, Magenulcus u.a.).

Die Behandlung somatoformer Störungen und Mitbehandlung psychosomatischer Erkrankungen fokussiert zunächst die Erweiterung des bisherigen Krankheitsbegriffs („es muß doch was Körperliches sein“) um ein psychosomatisches Krankheitsmodell, in welchem Zusammenhänge zwischen Belastungsfaktoren (z.Bsp. Konflikten), Bewältigungsmöglichkeiten (Konfliktvermeidung, Angst vor Streit), seelischem Erleben (aufgestaute Wut) und den Symptomen (Tinnitus, Verspannung, Rückenschmerz) hergestellt werden. Psychoedukation, Bibliotherapie und das Schreiben eines Symptomtagebuchs schaffen eine erste Entlastung und sensibilisieren auf die vorhandene Wechselwirkung zwischen seelischem und körperlichen Erleben. Entspannungsverfahren reduzieren innere Anspannungsgefühle, Achtsamkeitsübungen fokussieren die wertfreie Annahme des jeweiligen Ist-Zustandes, das Biofeedback öffnet Perspektiven in der Selbststeuerung von Körperfunktionen, die Tanz-und Bewegungstherapie macht die Einheit von Körper und Seele erlebbar, die Bewegungstherapie fördert körperliche Aktivität, das Vertrauen in den eigenen Körper und stärkt die allgemeine Belastbarkeit. In dieser Stabilisierungsphase erleben Betroffene nach langer Zeit erstmalig wieder, dass sie ihren körperlichen Beschwerden nicht ausgeliefert sind, sondern dass ihre Symptome durch psychische Faktoren (im Negativen wie im Poisitiven) modulierbar sind und Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit dafür bestehen, zu seelischem und körperlichen Wohlbefinden beizutragen. Besonders wichtig erscheint hierbei die Erarbeitung eines realistischen Gesundheitsbegriffs, welcher mögliche körperliche Mißempfindungen nicht ausschließt und nicht zu Schon- und Vermeidungsverhalten, sozialem Rückzug, sekundärem Krankheitsgewinn (z.Bsp. Anspruch auf Rücksichtnahme durch andere) führt.

In der vertieften einzelpsychotherapeutischen Arbeit geht es schließlich um ein Verständnis der somatoformen Symptome nicht nur vor dem Hintergrund äußerer Belastungen (z.Bsp. Konflikten), sondern auch im Kontext eigener Beziehungs- und Verhaltensmuster (z.Bsp. Konfliktangst), inneren Themen (z.Bsp. Selbstwert) und deren biografischen Bezügen. So kann eine Auseinandersetzung mit eigenen Prägungen und eine entsprechende Veränderungsarbeit beginnen, bei der ein multimodales Therapieprogramm, bestehend aus o.g. Angeboten, aber auch Kunsttherapie, Musiktherapie, psychoedukativen und psychodynamischen Gruppentherapien, begleitet.

Ziel der Behandlung somatoformer Störungen ist es, mit körperlichen Symptomen umgehen, sie als Signal der Psyche wahrnehmen, verstehen und sie beeinflussen zu lernen.